Strom Freitag 13. November 2020

Ladesäule als kostenloser Parkplatz ?

Stellt euch folgendes Szenario vor: Ein Diesel-Fahrer fährt zur Zapfsäule und weiß, dass sein Wagen in zwei Minuten vollgetankt ist. Er hängt den Zapfhahn rein und geht dann ins Tankstellen-Café, um erstmal ausgiebig zu frühstücken. Absurd? Nein, gar nicht...

Schauplatz Teichalm in der Steiermark. Das größte zusammenhängende Weidegebiet der Alpen. Eine wunderschöne Hochebene im Herzen Österreichs. Ganzjährig ein sehr beliebtes und lohnenswertes Ausflugsziel für Wintersportler, Wanderer und Familien. An sonnigen Herbsttagen sind die Parkplätze voll mit hunderten Autos. Und mitten drin gibt ́s vier Plätze für E-Autos. Leider nur eine 22kW-Typ2-Ladesäule, daneben noch drei herkömmliche 2,3kW-Schuko-Steckdosen. Aber immerhin. Und der Strom ist gratis.

 Bei meiner Ankunft am frühen Nachmittag steht an der Typ2-Ladesäule ein BMW i3, daneben ein e-Golf. Dessen sichtlich genervter Fahrer spricht mich sofort an, als ich auf dem letzten freien Steckdosen-Platz aus der Zoe aussteige: „Der BMW ist längst voll, ich warte jetzt schon fast eine Stunde und der taucht nicht auf!“ Im weiteren Gespräch erklärt er mir, dass er gern heimfahren würde, sein Golf über die Steckdose aber nur sehr langsam lädt und er die Typ2-Säule daher dringend bräuchte. Da die Zoe noch mehr als halb voll ist, stelle ich sie auf einen normalen Parkplatz. Ich brauche die Ladung ja nicht und vielleicht nutzt jemand anderes die Steckdose, der sie dringender braucht. Und der BMW, der parkt...


Bei meinem Spaziergang rund um den wunderschön in der Herbstsonne gelegenen Teichalmsee fällt mir die ab Anfang November geltende Blockiergebühr von EnBW ein. Nach einer Ladezeit von mehr als vier Stunden kommen 9,75 Cent pro Minute zu den Kosten des Ladevorgangs hinzu. Wer aber Ladepunkte nach beendetem Ladevorgang freigibt, ist davon nicht betroffen, denn 95 Prozent aller Ladevorgänge sind laut EnBW bereits nach drei Stunden beendet. Grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme, denke ich. Aber ich glaube auch, dass es den meisten E-Auto-Fahrern finanziell nicht wehtun wird, denn die Zusatzkosten der Blockiergebühr sind mit 11,70€ begrenzt. Gerade in Städten ist das über einige Stunden betrachtet immer noch billiger als reguläre Parkgebühren, erst recht im Vergleich zu einem Parkhaus. Und der BMW, der parkt...

Nach einem ausgiebigen Spaziergang, mittlerweile sind weitere zwei Stunden vergangen, steht der i3 immer noch an der Säule. Immer noch angesteckt, immer noch voll, immer noch verlassen. Der Fahrer ist wohl schon vormittags zu einer Wanderung aufgebrochen, hat das Ding angesteckt und das war ́s. Dafür hätte er auch einen der drei Steckdosen-Plätze nehmen können. Egoismus? Mir-egal-Mentalität? Oder einfach nicht drüber nachgedacht? Der Fahrer des e-Golf ist mittlerweile abgefahren, er versucht mit den paar Prozent Restladung, die ihm bleiben, eine Ladesäule in einer der nächsten Ortschaften zu erreichen. Von der Teichalm runter geht ́s länger bergab, da kann er wohl noch einige Kilometer Reichweite rekuperieren. Und der BMW, der parkt...

Langsam aber unnachgiebig bricht die Dämmerung über das Almenland herein. Es ist nach 16 Uhr, ich bin seit über drei Stunden hier. Wenn die Sonne hinter den bewaldeten Hügeln verschwindet, wird es schnell empfindlich kalt. Schließlich sind wir hier auf etwa 1200 Meter Seehöhe. Zeit, heimwärts aufzubrechen. Mittlerweile sind fast vier Stunden vergangen, seit mir der e-Golf-Fahrer berichtet hat, dass der i3 schon voll sei. Zeit, auch für Gratisladesäulen eine Zeitbegrenzung einzuführen. Aber wie?

Eine halbe Stunde nachdem der Akku voll ist und die Ladung beendet wird, könnte auf der Säule ein rotes Licht angehen, dass einem Organ der Parkraum-Überwachung zu erkennen gibt, dass es Zeit für einen Strafzettel ist. Ein Parkticket läuft ja schließlich auch ab. Ob sich sowas durchsetzen lässt? Und der BMW, der parkt...


Als ich, bereits auf dem Heimweg, wieder an den Ladeplätzen vorbei komme, steht der i3 natürlich immer noch dort. Na logisch, wie könnte es auch anders sein. Die Steckdosen-Plätze sind mittlerweile alle frei. Bis auf einen. Dort, provokant auf der grünen „E-Car“-Markierung, steht ein neuer Mercedes-Benz GLA 200d 4matic. Hmmm... Er hätte zumindest den BMW i3 zuparken können.

Lukas

"Lukas Wieringer, Jahrgang 1984, ist Motorjournalist, Auto-Blogger und Benzinbruder, seit er denken kann. Egal ob Sportwagen, Offroader oder Oldtimer - er liebt sie einfach alle. Und seit seine Frau ein Elektroauto fährt, ist für ihn auch die Mobilität der Zukunft keine Zukunftsmusik mehr."


Quelle und Bild: Lukas Wieringer/Ralph Hutter

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