Strom Montag 26. Oktober 2020

Warten auf den Sion von Sono Motors

Warten auf den Sion.....

Da sitz ich hier und warte, bis er kommt. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ob er wohl jemand kommen wird? Und wenn ja, will ich ihn dann überhaupt noch? 


Von Tesla und seinem schillernden Gründer Elon Musk abgesehen, wird wohl über keinen anderen Elektroauto-Hersteller so gern und heftig diskutiert wie über Sono Motors aus München. Kein anderes Elektroauto ist vor seinem Verkaufsstart so oft in den Medien aufgetaucht, wieder verschwunden, für tot erklärt und doch wieder ins Spiel gebracht worden wie deren erstes Modell, der Sion. 

Dabei gibt ́s den Sono Sion schon recht lange. Zumindest in den Köpfen einiger idealistischer Start-Up-Gründer, die mit einem einfachen Elektroauto, das sich in der Sonne selbst lädt, unsere Mobilität revolutionieren wollten. Seit 2012 wird in München getüftelt, seit 2017 gibt ́s zwei fahrbare Prototypen. Die haben mit dem angedachten Endprodukt zwar kaum etwas zu tun, werden aber trotzdem für Probefahrten mit Interessenten verwendet. Für 2019 war die Markteinführung des Serienmodells eigentlich geplant. Die Chronologie der ständigen Rückschläge dürfte der Elektromobilitäts-Community aber ohnehin bestens bekannt sein, ich möchte es nicht noch einmal breit treten. 

Als im März 2019 das finale Design des Sion präsentiert wurde, habe auch ich begonnen, mich für dasDing zu interessieren. Ein Alugerippe mit Kunststoffbeplankung? Ideal, um dem Rostteufel ein Schnippchen zu schlagen. Ein geräumiges Elektroauto für die ganze Familie zu einem sehr erschwinglichen Preis? Auch nicht übel. Klingt nach dem idealen Daily Driver. Anspruchslos, günstig, pflegeleicht. Da bleibt mehr Zeit und Geld für die pflegeintensiven Old- und Youngtimer übrig. Und wer immer brav in der Sonne parkt, bekommt ein paar Kilometer Reichweite gratis dazu, weil die ganze Kiste mit Photovoltaik-Paneelen beplankt ist. Das ist ja fast zu gut, um wahr zu sein. Genaue Details zur Ausstattung eines Serienfahrzeugs gab es nicht, aber wenn sie bei Sono Motors konkurrenzfähig sein wollen, werden sie schon nicht hintan stehen. Das Resultat dieser Überlegungen – die Reservierungsnummer 9962. 

Im Laufe des letzten Sommers hat mich dann aber doch die Neugierde gepackt und ich hab mich mit Sono Motors in Verbindung gesetzt. Meine Fragen galten dem angestrebten Sicherheitsniveau (EuroNCAP, Airbags, Assistenzsysteme?). Die Antwort fiel ernüchternd aus. Ein bisschen Marketing-Blabla, ausweichend und nichtssagend. Und dann kam die Verschiebung der Produktion auf voraussichtlich 2022, die große 50 Millionen-Crowdfunding-Bettelei mit nachträglich verschobener Deadline und sonst nichts weiter als Vertröstungen. Mittlerweile ist wieder ein Jahr vergangen und Neuigkeiten gibt es keine. 

Was könnte ich für meine 25.500€ bekommen, wenn ich die Reservierungsnummer 9962 nutzen würde? Ein Fahrzeug mit maximal 250km Reichweite unter Idealbedingungen, das in Sachen Sicherheitstechnik auf dem Stand der späten 1990er Jahre ist (lediglich 4 Airbags), das keinerlei Assistenzsysteme (adaptiver Tempomat, Spurhalteassistent, City-Notbremse etc., etc.) mitbringt und dessen Hersteller zu allem Übel nur 2 Jahre Garantie aufs Fahrzeug und den Akku gibt? Schon heute ist das einfach zu wenig. Aber 2022? Dann gibt’s gebrauchte KIA e-Niro ums gleiche Geld. Die können alles besser und haben noch mehrere Jahre Werksgarantie obendrauf. Dacia bringt den Spring Electric für angeblich um die 10.000€ nach Abzug aller Förderungen. Selbst wenn der Dacia im Endeffekt dann 15.000€ kostet, ist das der Todesstoß für den Sono Sion, noch bevor er auf den Marktkommt.

Mir ist die Herangehensweise der Sono-Belegschaft an das Thema Elektromobilität sympathisch und einige Details des Sion sind durchaus überzeugend. Sollte er jemals wirklich auf den Markt kommen, wird der Sion bestimmt seine Freunde finden. Aber bis die Dinger nicht aus der Fabrik in Schweden rollen, bleibe ich skeptisch, ob das noch was werden wird. War da nicht mal was mit 205 Millionen Euro zusätzlich, die noch fehlen würden...???

"Lukas Wieringer, Jahrgang 1984, ist Motorjournalist, Auto-Blogger und Benzinbruder, seit er denken kann. Egal ob Sportwagen, Offroader oder Oldtimer - er liebt sie einfach alle. Und seit seine Frau ein Elektroauto fährt, ist für ihn auch die Mobilität der Zukunft keine Zukunftsmusik mehr."

Bilder:Sono Motors

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